27.08.2019

Droht Europa ein neues atomares Wettrüsten?

Oldenburg. Was bedeutet das Ende des INF-Vertrages? Muss Europa mit einem neuen Wettrüsten rechnen? Diesen Fragen wird am Dienstag, 3. September, ab 19 Uhr der Oldenburger Konfliktforscher Dr. Leo Ensel nachgehen. Im SchauRaum des Stadtmuseums, Am Stadtmuseum 4-8, wird er Informationen zur Geschichte des Washingtoner Abkommens über nukleare Mittelstreckensysteme – den so genannten INF-Vertrag – geben, um dann im Gespräch über mögliche Folgen und vorstellbare politische Konstellationen zu diskutieren. Der Eintritt ist frei.

Am Dienstag, 20. August, war Leo Ensel zu Gast bei Michail Gorbatschow in Moskau und hat mit ihm über die Gefahr eines neuen weltweiten Wettrüstens gesprochen. In seiner Funktion als Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion hatte Gorbatschow im Dezember 1987 mit dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan den INF-Vertrag abgeschlossen.

Mitte der 80er Jahre war Europa ein geteilter Kontinent im Visier der Supermächte. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges waren zahlreiche Atombomben stationiert, von denen jede die mehrfache Sprengkraft der Hiroshimabombe besaß. In Westeuropa stationierte atomare Mittelstreckenraketen der NATO – Pershing II und Cruise Missiles – hätten in nur wenigen Minuten den westlichen Teil der Sowjetunion erreicht. Ein direkter Gegenschlag hätte dann durch die in der DDR und der Tschechoslowakei in Stellung gebrachten sowjetischen Kurzstreckenraketen erfolgen können. Die Angst vor einem Atomkrieg war groß, und eine starke Friedensbewegung forderte ein atomwaffenfreies Europa.

Die Unterzeichnung des INF-Vertrages durch Gorbatschow und Reagan am 8. Dezember 1987 war ein historisches Ereignis. Mit diesem Abrüstungsabkommen wurde erstmals eine gesamte Waffengattung (insgesamt 2.692 landgestützte Raketen mit einer Reichweite von 500 bis 5.500 Kilometern) eliminiert und 80 Prozent aller Atomsprengköpfe in den Folgejahren weltweit verschrottet. Europa und die Welt atmeten auf.

Am 2. August 2019 erlosch jetzt der INF-Vertrag, nachdem die USA Anfang Februar und kurz darauf auch Russland den Vertrag gekündigt hatten.

Dr. Leo Ensel ist Konfliktforscher mit Schwerpunkt postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa. Er ist Autor einer Reihe von Studien über die wechselseitige Wahrnehmung von Russen und Deutschen.

Anwesend an diesem Abend ist auch Karl Schumacher, der in enger Beziehung zu Stanislaw Petrow stand, dem Mann, der die Welt vor einem Atomkrieg rettete. Petrow war am 26. September 1983 leitender Offizier in der Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung und stufte einen vom System gemeldeten Angriff der USA mit nuklearen Interkontinentalraketen auf die UdSSR korrekt als Fehlalarm ein. Der Gegenangriff erfolgte nicht, der Dritte Weltkrieg blieb aus. Doch viel zu spät erst wurde Petrows Tat von der Welt gewürdigt.