30.03.2017

Höchste Eisenbahn – 150 Jahre Zugverkehr in Oldenburg

Oldenburg/Cloppenburg. Das Jahr 2017 steht im Zeichen der Eisenbahn: Vor 150 Jahren wurde die erste oldenburgische Eisenbahnstrecke eröffnet. Zu diesem Anlass haben das Stadtmuseum Oldenburg und das Museumsdorf Cloppenburg eine Kooperation geschlossen und zeigen gemeinsam unter dem Titel „Höchste Eisenbahn“ eine große Ausstellung zur Oldenburger Eisenbahngeschichte. Während die Besucher im Museumsdorf erfahren, wie sich das Leben der Landbevölkerung durch die Bahn veränderte, beleuchtet das Stadtmuseum die Entwicklungsgeschichte der Eisenbahn und deren Folgen für die Wirtschaft und das Mobilitätsverhalten der Menschen in ihren unterschiedlichen Facetten. Die Schau wird am Sonntag, 2. April, eröffnet: Um 11.15 in Oldenburg und um 15.30 Uhr in Cloppenburg. Im Stadtmuseum Oldenburg ist „Höchste Eisenbahn“ bis zum 3. September zu sehen, im Museumsdorf Cloppenburg bis zum 5. November.

Geschichte der Eisenbahn im Land Oldenburg
1867 eröffnete Oldenburg als einer der letzten deutschen Bundesstaaten seine erste Eisenbahnstrecke, die Verbindung zwischen der Residenz- und Hauptstadt Oldenburg und der Freien Hansestadt Bremen. Wenige Monate später wurde die Strecke bis zum Kriegshafen Heppens, dem späteren Wilhelmshaven, weitergeführt. Der Anschluss an das Eisenbahnnetz, das damals schon weite Teile Europas überspannte, führte zusammen mit dem Bevölkerungswachstum und innovativen Unternehmensgründungen zu einem bedeutenden industriellen Aufschwung des Landes Oldenburg. Es entwickelte sich zum wichtigsten Lebensmittellieferanten für das Ruhrgebiet, Delmenhorst und Varel wurden Industriestandorte und Brake avancierte zu einer international angesehenen Hafenstadt. Die Großherzoglich Oldenburgische Eisenbahn (G.O.E.) war um die Jahrhundertwende nicht nur der größte Arbeitgeber Oldenburgs, sondern schuf auch eine Eisenbahn für Land und Leute: Dies zeigt sich zum einen an einer günstigen Preispolitik, zum anderen an der Streckenführung, mit der möglichst viele Gemeinden an das Gleisnetz angebunden wurden.

Das Ende des Ersten Weltkriegs bedeutete zugleich das Ende der Monarchie und das Ende der alten Eisenbahnordnung. Die G.O.E. ging wie alle Länderbahnen 1920 auf das Reich über und wurde Teil der Deutschen Reichsbahn, deren Geschicke von Berlin aus gelenkt wurden. Nach wie vor waren Eisenbahnwaggons die wichtigsten Transportmittel im Land. Dies änderte sich auch während der NS-Zeit nicht, in der das NS-Regime die Reichsbahn für seine Zwecke einspannte. Während des Krieges wurden vermehrt Zwangsarbeiter bei der Bahn eingesetzt, in Oldenburg waren es 515 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die überwiegend aus den Niederlanden, Polen und der Sowjetunion stammten.

Die Bedeutung der Eisenbahn als Transportmittelt änderte sich in den 1950er Jahren mit dem Siegeszug des Automobils und der Verlagerung des Güterverkehrs auf die Straße. Die Devise der Deutschen Bundesbahn in Westdeutschland lautete Rationalisierung. Ganze Strecken und Bahnhöfe wurden stillgelegt. Nach der Wiedervereinigung wurde mit der Bahnreform 1994 die Verantwortung für den öffentlichen Nahverkehr in die Hand der Bundesländer gelegt. Ob es gelingt, Wirtschaftlichkeit und Versorgungsauftrag in Einklang zu bringen, wird die Zukunft zeigen.

Diese wechselvolle Unternehmensgeschichte der Bahn und ihr Einfluss auf unseren Lebensalltag in den vergangenen 150 Jahren ist Thema der Ausstellung „Höchste Eisenbahn“ im Stadtmuseum Oldenburg und im Museumsdorf Cloppenburg. Dabei werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt.

Ausstellungsschwerpunkte im Stadtmuseum Oldenburg
Mit beeindruckenden Bildern sowie kultur- und technikhistorischen Exponaten und Dokumenten, Filmen und Inszenierungen spannt die Ausstellung im Stadtmuseum Oldenburg einen Bogen von der Gründung der Großherzoglich Oldenburgischen Eisenbahn (G.O.E.) im Jahre 1867 bis hin zu aktuellen Entwicklungen.  Fünf Stationen markieren diese Bahn- und Zeitreise. In der ersten Station wird die Frage beantwortet, warum Oldenburg im Verhältnis zu vielen anderen Bundesstaaten erst mit großer Verspätung Anschluss an das Eisenbahnnetz erhielt. Dabei können die Besucherinnen und Besucher auch erfahren, was Künstler über das beginnende Eisenbahnzeitalter dachten.

Im Mittelpunkt der zweiten Station steht der Auf- und Ausbau des Bahnnetzes zwischen 1867 und 1920. Ein interaktiver Medientisch verdeutlicht die wirtschaftliche Entwicklung entlang der Strecke Bremen – Neuschanz. Und unter dem Stichwort Mobilität geht es um beliebte Ausflugsziele rund um Oldenburg und um die Urlaubsinsel Wangerooge. Die Zeit von 1920 bis 1945 wird in der dritten Station behandelt. Besucher können in einem Holzklasseabteil Platz nehmen und durch das Abteilfenster historische Dampflokomotiven beobachten. Aber auch das NS-Regime, der Zweite Weltkrieg und der Einsatz von Zwangsarbeitern bei der Reichsbahn in Oldenburg sind Themen dieser Station.

„Die vierte Station – 1945 bis 1990 – ist bestimmt von politischen Zäsuren und dem Strukturwandel, der von der Konkurrenz zwischen Straße und Schiene ausgeht“, sagt Kuratorin Dr. Lioba Meyer und erläutert: „Einen besonderen Blickfang bilden mehrere Comics, die einen Einblick in das facettenreiche Berufsbild der Eisenbahner geben.“ Die fünfte und letzte Station befasst sich mit aktuellen Entwicklungen seit 1990. „Im Mittelpunkt steht die neue Nutzung des ehemaligen Bahnhofsgeländes, aber auch die aktuelle Diskussion um die Oldenburger Bahnsteighalle greifen wir auf. Die Künstlerin Käthe Wenzel hat dazu einen Cartoon gestaltet“, erzählt Lioba Meyer. Zum Abschluss der Ausstellung erwarten die Besucher ein Modell vom Transrapid und ein Zugsimulator, an dem man die Perspektive eines Zugführers einnehmen und einen Zug über verschiedene Strecken lenken kann.

Für Kinder heißt es im Stadtmuseum „Bitte einsteigen!“: In ehemaligen Eisenbahn-Transportcontainern gibt es an jeder Station viel zu entdecken und zu gestalten. Die Kinder können zum Beispiel Ratespiele lösen, Eisenbahngeräuschen lauschen und ihren Traumzug malen.

Ausstellungsschwerpunkte im Museumsdorf Cloppenburg
Die Auswirkungen des Eisenbahnbaus auf die Menschen stehen im Museumsdorf Cloppenburg im Mittelpunkt der Ausstellung, denn der Bahnbau veränderte das Leben in den ländlichen Regionen grundlegend. Die Ausstellung bietet dem Besucher die Möglichkeit, 150 Jahre oldenburgische Eisenbahngeschichte zu durchschreiten. „Die Eröffnung der ersten Strecke am 14. Juli 1867 wurde damals stürmisch begrüßt“, erzählt Kurator Florian Reiß und fährt fort: „Originaleinrichtungen aus dem ehemaligen Bahnhof von Burhave in Butjadingen erinnern an die Bedeutung, die diesen Einrichtungen einst zukam. Häufig standen neben dem Landbahnhof die Viehwagen und wenn das Schlachtvieh gewogen war, gingen die Bauern mit dem Viehhändler in die Bahnhofsgaststätte, um abzurechnen.“

Ein Kuriosum des deutschen Föderalismus stellte der Haltepunkt „Landesgrenze“ der Cloppenburger Kleinbahn „Pingel Anton“ dar. In der Ausstellung ist er durch ein Modell vertreten. Ihre Blütezeit erlebte die G.O.E. nach der Jahrhundertwende. Hier wird Düngemittel und Viehfutter importiert, dort steht der Tischlermeister Müller aus Neuenburg und bringt seine Möbel zum Bahnhof. Sommerfrischler fuhren zu den Hünengräbern, nicht ohne sich im Ausflugslokal Engelmannsbäke zu erholen. Das Ende des Ersten Weltkriegs brachte auch das Ende der G.O.E. mit sich. Es begann die Reichsbahnzeit, an deren Ende die Schrecken des Zweiten Weltkriegs standen.

Weiter geht die Zeitreise in der Ausstellung: Hungrige Städter aus dem Ruhrgebiet und Bremen sind als Hamsterfahrer ins Oldenburgische Land unterwegs, um Nahrungsmittel einzutauschen. Nach der Währungsreform tritt das Auto seinen Siegeszug an. Die Folgen sind bis heute spürbar: Bahnstrecken wurden stillgelegt und Bahnbauten abgerissen. Doch in den 1980ern kam die Verkehrswende. Ein Beispiel hierfür ist die Strecke von Delmenhorst nach Hesepe. Sie wird heutzutage von der NordWestBahn bedient und ist eine wichtige Nebenstrecke für den Zugverkehr auf dem Land.


Zur Ausstellung „Höchste Eisenbahn“ erscheint ein umfangreicher Katalog zum Preis von 24,80 Euro, der in beiden Museen erhältlich ist.