07.11.2014

Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg 2014

Inhalt:
„Die unsichtbare Grenze“ spielt in Ostberlin, in der Zeit von Februar bis Oktober 1953. Erzählt wird die Geschichte der 13-jährigen, hoch aufgeschossenen Jette und des 15-jährigen kleinkriminellen Hans Karl, genannt Haka, die Ratte.
Jette wird nach der Verhaftung ihres Vaters zu ihren Großtanten nach Ostberlin verfrachtet, wo Haka sich in dem Kellerlabyrinth unter den Trümmergrundstücken vor seinen ehemaligen Kumpels versteckt. Er sieht aus wie ein verlotterter Rotarmist, ist ein großmäuliger Waffenfetischist und Jazzliebhaber, außerdem spielt er Mundharmonika. Für Jette ist er der Held aus einem Abenteuerroman und – er braucht sie.
Sie klaut Essen für ihn, beschattet seine Verfolger, bricht in Keller ein und besorgt ihm aus ihrer Hinterhofclique Musikfreunde für eine Band. Mit einer Mischung aus Blues, Schlagern und Volksliedern kommt die „East Berlin Band“ bei den GI’s in einem Westberliner Ami-Club richtig gut an.
Aber die Stasi wird auf sie aufmerksam. Gleichzeitig kommt es zum Aufstand des 17. Juni, an dem Haka sich beteiligt und in dessen Wirren er spurlos verschwindet. Auf der Suche nach ihm entdeckt Jette, dass er tiefer im kriminellen Milieu verstrickt war, als er ihr gegenüber zugegeben hat. Sie findet ihn schließlich schwer verletzt in einem Jugendgefängnis. Dass er noch lebt, verdankt er seinem totgeglaubten Vater, der als hoher Parteifunktionär aus der Sowjetunion zurückgekehrt ist. Unter dem Eindruck dieser starken Vaterpersönlichkeit verblassen Hakas Ambitionen mit der Band und auch Jette bedeutet ihm nicht mehr viel. Während er in die Fußstapfen seines Vaters tritt, muss Jette mit ihrer Familie die DDR verlassen und in den Westen flüchten.


Begründung der Jury:

Die DDR, 1953: Nachdem ihr Vater wegen Zigarettenschmuggel in Erfurt verhaftet wurde, wird die 13-jährige Jette – „bis die Angelegenheit geklärt ist“ – zu ihren drei Tanten in den Berliner Osten verfrachtet. In einem halbverfallenen Luftschutzbunker trifft sie auf Haka, einen geheimnisvollen Jungen, der sich dort vor einer rachsüchtigen Gangsterbande versteckt hält. Haka wird nicht nur Jettes erste große Liebe, sondern er entzündet in ihr und den anderen Hinterhofkindern die Begeisterung für Jazz und Blues, die „subversive, revisionistische Musik“ der Amerikaner. Gemeinsam gründen sie die „East-Berlin-Band", treten in einem Westberliner Ami-Club auf und erleben hautnah die aufregend-abenteuerliche Nachkriegszeit in der geteilten Hauptstadt. Doch der Aufstand des 17. Juni verändert nicht nur die politische Großlage in Deutschland, sondern auch die Welt von Jette wird gehörig aufgemischt: Haka verschwindet spurlos, die Clique zerbricht, Jettes Vater wird aus dem Gefängnis entlassen und die Familie macht schließlich in den Westen rüber.
In „Die unsichtbare Grenze“ gelingt es Petra Milz gekonnt, das Erwachsen-Werden Jettes, ihre erste Liebe zu dem geheimnisvollen Haka und die abenteuerlichen Ereignisse rund um die „East-Berlin-Band“ zu erzählen. Richtig beeindruckend wird das Jugendbuchmanuskript durch die Einbettung der Geschichte Jettes in den historischen Kontext – Ostberlin rund um den 17. Juni 1953: Selten wurde im Bereich der deutschen Kinder- und Jugendliteratur so versiert und gleichzeitig so unaufgeregt Zeitgeschichte erles- und erfahrbar gemacht.
 
Christian Bittner
Vita:

Petra Milz wurde 1948 in Erfurt geboren. Sie lebte bei ihren alten Tanten in Ostberlin, als der Vater wegen Zigarettenschmuggel im Zuchthaus saß. Anschließend flüchtete die Familie nach Westdeutschland und ließ sich in Frankfurt am Main nieder. Es folgte ein Studium der Germanistik und Politikwissenschaft, sie wurde Lehrerin im Schuldienst, später  folgte eine Ausbildung zur Kindertherapeutin. Petra Milz ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Sie fährt immer noch gerne nach Berlin, streift durch das alte Viertel und besucht den Dorotheenstädtischen Friedhof.


Leseprobe (Seite 118 bis 119):

Reiner räusperte sich. „Dürften wir erfahren, was uns vorgeworfen wird?“, fragte Reiner. Der Mann, der auf Frau Weismüllers Stuhl lümmelte, grinste. „Ein so kluger Junge wie du kann sich das sicher denken.“ Reiner wollte etwas erwidern, aber der Mann ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Ihr verkehrt in amerikanischen Einrichtungen, tut euch dort mit subversiven musikalischen Darbietungen hervor, lasst euch ausdrücklich als Ostberliner Kinder von den Revisionisten für ihre kriegstreibenden Zwecke missbrauchen.“ Plötzlich sprang er auf, wir wichen alle fünf zur Tür zurück, sein Gesicht war rot angelaufen und er brüllte: „Das ist Hochverrat! Ihr seid wohl von allen guten Geistern verlassen! Ein Reporter vom RIAS hat euch interviewt. RIAS! Das Sprachrohr der amerikanischen Imperialisten!“ Er schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn, dass es klatschte. „Wer hat Ihnen denn das alles erzählt?“ Das war Loni.
„Naseweise Göre“, blaffte der Mann auf dem Stuhl. „Glaubt bloß nicht, dass ihr uns was vormachen könnt. Wenn wir euch noch einmal erwischen, dann setzt es was. Habt ihr schon mal etwas von Umerziehung gehört?“ Es folgte eine Rede über unsere Undankbarkeit gegenüber dem Vaterland. Wie immer, wenn jemand sprach ohne etwas zu sagen, schwirrte ich davon, konnte nicht zuhören. „Und du“, der Mann stach mir mit dem Zeigefinger auf die Brust, „solltest den Ball ganz flach halten“, er machte eine vertikale Bewegung mit der Hand, „sonst landest du in einer Anstalt.“ „Der Nächste von euch, der beim Überqueren der Sektorengrenze erwischt wird, ist dran“, fügte der andere hinzu. „Wir haben euch im Auge.“ Er fuchtelte mit seinem Zeigefinger herum. Wegen Haka, der keine Papiere besaß, hatten wir die Sektorengrenze nie offiziell überschritten. Woher wussten die so genau über uns Bescheid?