07.11.2014

Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg 2014

Inhalt:

Dies ist die Geschichte von Lucinda. Lucinda ist schön, lebenshungrig und leuchtet wie ein Stern. So hell, so schön und doch eisig kalt und Lichtjahre entfernt. Lucinda scheint in einer anderen Welt zu leben, nach eigenen, erbarmungslosen Regeln. Wer Lucinda liebt, muss ertragen, ihr niemals richtig nah sein zu können. So sind Sterne eben. Und manchmal fallen sie vom Himmel und verglühen. Einfach so.


Begründung der Jury:

„Ich leuchte. Das ist es nämlich, was Musen machen: Sie leuchten, selbst wenn es ganz dunkel ist.“ Lucinda, S. 44
Lucinda ist schön, unangepasst und gefühlskalt. Sie kennt keine Kompromisse. Grenzen akzeptiert sie nicht. Stets testet sie Spielräume aus, wobei sie die Regeln bestimmt. In Lucinda steckt der gefallene Engel und die exemplarische Lebens- und Selbstzerstörungswut einer Janis Joplin. Vor allem Jungen sind ihre liebsten Versuchskaninchen. Sie treibt sie in den Liebes-Wahnsinn und sogar in den Tod. Lucinda fasziniert und sie widert an. Der Leser möchte ihr partiell den „Arsch versohlen“, aber ihr Leben ist bereits zu Beginn des Romans Geschichte. Sie lebt nur noch in der Erinnerung ihrer jüngeren Schwester Malina, die sie liebt und die bei der sukzessiven Selbstzerstörung Komplizin war. Lara Schützsack bietet hier das Psychogramm einer Jugendlichen, die die Intensität eines ganzen Lebens in 16 Jahre packt und sich damit Alltagstrott und Langeweile erspart. Man kann die rebellische Heldin verstehen, auch wenn man sie nicht lieben wird. Rigorose Helden dieser Art gab es in der Literatur schon oft. Im Jugendroman ist eine Lucinda eher Neuland. Bitte mehr davon!
„Eines Tages hat meine Schwester ihren Koffer genommen und ist gegangen.
Niemand weiß wohin sie gegangen ist, niemand weiß, wann sie wiederkommt. Wenn die Erwachsenen immer wieder Fragen: „Warum?“, denke ich an den Stern, der auf dem Höhepunkt seines Lichts vom Himmel fällt. Damit die anderen nicht geblendet werden. So ist das eben.“ Malina, S. 174

Robert Elstner
Vita:

Lara Schützsack, geboren 1981 in Hamburg, absolvierte ein Drehbuchstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Ihr erstes verfilmtes Drehbuch „Draußen ist Sommer“ lief 2013 in den deutschen Kinos. Lara Schützsack lebt und arbeitet als Autorin in Berlin.


Leseprobe (Seite 13 bis 14):

Hinter dem Ortsschild biegt sie in einer halsbrecherischen Kurve zur Tankstelle ab. Wir halten direkt vor dem Fenster des Tankstellenshops. Lucinda schlägt mit der Faust gegen die Scheibe. Dahinter an der Kasse sitzt Bernd, ein Junge aus unserer Nachbarschaft. Bei dem Knall zuckt er zusammen, dann aber, als er Lucinda sieht, hellt sein Blick sich auf. Bernd ist schon achtzehn, aber klein, unscheinbar und pickelig. Die Mädchen aus unserer Straße lachen über ihn, sie nennen ihn Kratergesicht, und es ist ihnen egal, dass er es hört. Lucinda behauptet, dass er gerade deswegen interessanter ist als die anderen, weil er so aussieht. „Verstehe ich nicht“, sage ich. Und sie sagt: „Wirst du noch. Irgendwann.“ Lucinda steigt ab, drückt mir das Fahrrad in die Hand. „Du wartest draußen!“
Dann betritt sie den grellerleuchteten Tankstellenshop, nicht ohne vorher ihren Zopf zu öffnen und einen Blick auf ihre Spiegelung im Fenster zu werfen. Ihr Schritt ist beschwingt. Ich beobachte sie durch die Glasscheibe: Wenn Lucinda einen Ort betritt, gerät alles in Bewegung. Es gibt keine Gesetze mehr. Ihre Anwesenheit stellt alles in Frage. Sie wirft einen prüfenden Blick auf Bernd, und als sie zu ihrer Zufriedenheit sieht, dass er nicht anders kann, als ihr mit den Augen zu folgen, steuert sie direkt auf die Eistruhe zu, fischt eine bunte Verpackung heraus, zeigt sie mir durchs Fenster. Twister, mein Lieblingseis. Ich nicke. Wie in Zeitlupe bewegt sich meine Schwester, als sie von der Tiefkühltruhe hinüber zur Kasse läuft. Langsam schiebt sie Bernd das Eis und eine Packung Kaugummi über den Ladentisch. Er greift, ohne aufzusehen, nach dem Twister. Sie hält das Eis eine Sekunde zu lange fest, so dass seine Finger ihre Hand berühren. Er schaut hoch, und als er ihren Blick auffängt, wird er rot und schaut schnell wieder zur Kasse. Dann zieht er die Sachen mit zitternder Hand über den Scanner. Lucinda lächelt, als sie sich umdreht und ohne zu bezahlen die Tankstelle verlässt.
„Komm!“ Sie drückt mir das Eis in die Hand, greift nach dem Rad, steigt auf. Ich springe hinten auf den Gepäckträger. In Schlangenlinien fahren wir an, kichern. „Guckt er?“ Einmal drehe ich mich um, von rechts nach links schwankend, aus dem Lichtkegel der Tankstelle hinaus in die Dunkelheit rollend. „Ja, er guckt!“ Bernd sitzt vor seiner Kasse und sieht uns hinterher. Seine Schicht hat gerade erst begonnen. Und ich glaube, sie kommt ihm in diesem Moment unendlich lang vor.