07.11.2014

Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg 2014

Inhalt:
Der 11-jährige Salvatore und seine Freunde lieben die Gelateria ihres Dorfes in Süditalien. Und deren Betreiber Luigi Limone, einen warmherzigen, leicht rebellischen Lebenskünstler. Sein Eis hat besondere Fähigkeiten: Schokoladeneis macht glücklich, Vanilleeis besänftigt, Nusseis hilft beim Denken, Pflaumeneis gegen Verstopfung...
Die Geschichte erzählt von Freundschaft und verrückten Eissorten, von Mut und Authentizität, von gierigen Lebensmittelkonzernen und davon, warum Fehler zu machen eigentlich eine feine Sache ist.


Begründung der Jury:

Als eines Tages ein Typ namens Luigi in dem kleinen italienischen Ort auftaucht, in dem auch Salvatore und seine Freunde wohnen, und dort einen Eisladen eröffnet, erlebt der eintönige Alltag der Kinder und Erwachsenen eine Riesenerfrischung.
Luigi macht Eis wie kein anderer. Jede Sorte hat es in sich. Aus seiner Eisküche kommen Wunderwerke mit Namen, die die Wirkung bereits erahnen lassen. Da gibt es Eissorten die glücklich, fröhlich, locker, konzentriert, sehnsüchtig und verliebt machen. Und weil die Eissorten so gezielt eingesetzt werden können, hat bald jeder im Ort eine Lieblingssorte, ohne die er von nun an nicht mehr sein will. Vor allem Salvatore mag diesen Luigi. Der Eisladen wird bald unverzichtbarer Bestandteil des täglichen Lebens.
Luigis Talent spricht sich herum und nicht nur Eisliebhaber interessieren sich dafür. Bald tauchen Leute auf, die dieses Talent gern für sich nutzen möchten. Der friedliche Eisgenuss ist bedroht. Plötzlich ist der Laden geschlossen.
Luigi ist von Anfang an geheimnisvoll, nur spärlich bekommt Salvatore Abenteuerliches, Trauriges und schließlich auch Widersprüchliches heraus. Als schließlich klar wird, dass nicht alles, was Luigi macht, so großartig wie sein Eis ist, hat Salvatore genau die richtige Idee, um seinem Freund zu helfen. Seine genauen Beobachtungen der Erwachsenen und die pfiffigen Schlüsse, die er daraus zieht, bringen ihn auf umwerfende und sehr wirksame Ideen. Die Erwachsenen wiederum, bewegen sich nur allzu menschlich und gelegentlich hilflos durch die Geschichte.
In diesem turbulenten Kinderkrimi treffen Spannung, Humor, starke Charaktere und feine Gefühle aufeinander. Obendrein bekommt der Leser einen unterhaltsamen wie auch nachdenklich machenden Eindruck italienischer Realität erzählt. Auf charmante und kluge Weise nehmen hier die Kinder die Sache in die Hand. Die Bedeutung der Gemeinschaft, bezogen auf Familie, Freunde und den Ort, wird deutlich.
Beim großen Finale, einer Schlacht aus Zucker, Obst und Milch werden schließlich auch die Mafiosis vertrieben. Salvatore kann nun in Ruhe die restlichen Fäden des durcheinander geratenen Luigi-Lebens zusammenstricken und selbstverständlich endlich wieder sein Lieblingseis genießen.

Nadia Budde


Vita:
Gundi Herget, geboren 1970 in München, beschlich mit vier Jahren zum ersten Mal so ein Gefühl, dass Bücher mit ihren vielen Seiten voller schwarzer Striche, Punkte und Kringel das Aufregendste sein könnten, das es gibt. Und so war es dann auch. Mit zehn Jahren wollte sie Schriftstellerin werden, hat dann aber erst Abitur gemacht, in München und Pisa Literatur studiert, Schlagzeug spielen gelernt, Redakteurin gelernt, die Welt bereist. Und ein Kind bekommen, was sie an den Vorsatz ihres zehnjährigen Ichs erinnert hat. Will jetzt wieder Schriftstellerin werden. Lebt zurzeit mit Kind und Freund auf dem Land zwischen München und Augsburg in einem kleinen Haus mit zu großem Garten. Wenn sie nicht gerade schreibt, arbeitet sie als Reiseredakteurin, trommelt in einer Rockband, zähmt den wilden Garten und erzählt ihrem Sohn Geschichten. Die besten schreibt sie auf.   


Leseprobe (Seite 2 bis 4):

Jeden Tag nach der Schule treffen wir uns auf der Piazza Italia, dem großen Platz bei der Kirche, und holen uns ein Eis bei Luigi. Dann setzen wir uns auf die Mauer am anderen Ende der Piazza und essen es dort.

Es ist ein ganz besonderes Eis.

Das Zitroneneis ist so sauer, dass man beim Schlecken immer lachen muss. Vom Zitroneneis hat Luigi auch seinen Namen. Er heißt eigentlich Liboni mit Nachnamen, aber alle nennen ihn Luigi Limone. Das Schokoladeneis macht glücklich. Als meine große Schwester Beatrice mal Liebeskummer hatte – und es gab eine Zeit, da hatte sie ständig Liebeskummer –, hat sie jeden Tag Schokoladeneis gegessen, und gleich ging es ihr besser. Wenn man schon ganz glücklich ist und keinen Liebeskummer hat, kann man natürlich trotzdem Schokoladeneis essen. Dann macht es einfach noch ein bisschen glücklicher. Der reiche Signor Ferrari isst jeden Tag Bananeneis und sagt, das stärkt seine Manneskraft, und dann lacht er komisch. Die Frauen essen immer Pfirsicheis, jedenfalls die jungen, weil es schöne Haut machen soll. Die Oma von Laura isst kein Pfirsicheis, sie ist ja auch nicht mehr jung. Dafür schwört sie auf Pflaumeneis. Sie leidet nämlich an Verstopfung und sagt, dass Luigis Pflaumeneis ihr besser hilft als jedes Abführmittel. Und das Vanilleeis schmeckt so süß und sanft, dass es selbst die bittere Renata ein bisschen versöhnt. Die bittere Renata ist nämlich nicht verheiratet, obwohl sie schon über dreißig ist. Es ist nicht so, dass keiner sie hätte heiraten wollen, sagt Mama. Aber Papà sagt, jeder, der sie heiraten wollte, hätte Signora Vitalia mitheiraten müssen, und so haben es alle lieber bleiben lassen. Signora Vitalia ist Renatas Mutter und eine fürchterliche Nervensäge. Im Dorf sagen sie, dass Signora Vitalia sich lange ein Kind gewünscht hat. Aber erst hat sie nicht den Mann dazu gehabt, und als sie endlich einen Mann hatte, hat kein Kind kommen wollen. Als dann doch endlich eins kam, war sie schon richtig alt, fast vierzig Jahre. Und dann war zwar das Kind da, aber der Mann weg. Gestorben, kurz nachdem Renata auf die Welt gekommen ist. Alle sagen, dass das der Grund ist, warum Signora Vitalia Renata nicht aus den Augen lassen kann.
„Die arme Renata“, sagt meine Mutter jedes Mal, wenn sie die beiden zusammen sieht, „immer unter der Fuchtel von dieser Gluckenmutter.“ Wegen der Gluckenmutterfuchtel isst Renata immer Vanilleeis. Dann sieht sie ein bisschen weniger bitter aus. Wenn sie dran schleckt, heben sich sogar ihre Mundwinkel.
Und das kann nur Luigis Eis.