31.07.2020

Wie aus vielen Teilen ein großes Ganzes wurde

Oldenburg. „Jeder – egal, wie er gestrickt ist – gehört hinein ins Gesamtgefüge“. Nach diesem Motto hat die Remscheider Künstlerin Ute Lennartz-Lembeck das partizipative Kunstprojekt „Das Tipi“ initiiert. Seit 2012 lädt sie Menschen ein, gemeinsam aus vielen Einzelteilen einen ungewöhnlichen Raum zu erschaffen: lichtdurchflutet, vielfarbig, transparent, die Grenzen zwischen Innen und Außen verbindend. Aus jeweils 1.200 gestrickten und gehäkelten Quadraten von je 15  mal  15 Zentimetern Größe entstanden bislang über 35 solcher „Tipis“ weltweit – von Kenia über Taiwan, New York, Brüssel, Berlin bis Aurich. Und nun erstmals auch in Oldenburg. War ursprünglich nur „ein Tipi für Oldenburg“ geplant, brachte die enorme Resonanz auf den vom städtischen Kulturbüro und dem Stadtteiltreff Kreyenbrück gestarteten Aufruf im März 2020 zwei textile Gesamtkunstwerke aus mehr als 2.400 Einzelteilen hervor. Am Donnerstag und Freitag, 30. und 31. Juli, baut Ute Lennartz-Lembeck mit einem Team von Helferinnen und Helfern vor Ort die beiden Tipis auf. Sie stehen auf dem sogenannten „Kleinen Klingenbergplatz“ vor dem Stadtteiltreff Kreyenbrück, Alter Postweg 1,  sowie in der Innenstadt vor dem Kulturzentrum PFL, Peterstraße 3.  

Die Künstlerin zitiert bei ihrem Projekt bewusst die Wohnform der nordamerikanischen indigenen Urbevölkerung, die mit dieser Form des Zeltes Schutz, Mobilität und Gastfreundschaft verbanden. Werte, die für Ute Lennartz-Lembeck auch heute hochaktuell sind: „Das Tipi ist ein Sinnbild für Gewebe. Die Art der Herstellung ist soziale Kunst. Jedes Gewebe ist immer nur so stark wie die einzelne Masche, die Quadrate  – so unterschiedlich sie gemustert oder gestrickt sind – passen alle hinein und das eine stützt das andere.“ Gerade in diesen Zeiten sei es wichtig, eine Gemeinschaft zu erleben, betont die Künstlerin. „Auch wenn man sich nicht persönlich nah treffen konnte, trug ein jedes Quadrat zum Gesamten bei. So erkläre ich mir auch das gerade sehr gesteigerte Interesse an diesem Kunstprojekt. Man kann ‚den Faden aufnehmen‘.“

Zwei mobile Kulturorte für Oldenburg
Vom 1. August bis voraussichtlich Ende Oktober 2020 können beide Tipis besichtigt und begangen werden. Sie sind als mobile Kulturorte für Oldenburg gedacht, die auf vielfältige Weise genutzt werden können: als Vorlesezelt, Konzertraum, als persönlicher Ort der Ruhe und Begegnung. Und als starkes Symbol der Verbundenheit, über alle Unterschiede und Distanzen hinweg. Tagsüber bringt das Sonnenlicht die Zelte innen zum Leuchten. Und in der Dämmerung strahlen sie farbgewaltig nach außen, da sie von innen beleuchtet werden.

Besucherinnen und Besucher werden gebeten, sich in und um die beiden Tipis an die Abstandsregeln zu halten, das heißt, mindestens 1,50 Meter Abstand zu anderen Personen einzuhalten, die nicht dem eigenen Haushalt oder einem weiteren Haushalt oder einer Gruppe von nicht mehr als zehn Personen angehören.

Stricken trotz(t) Pandemie
Zwischen März und Juli 2020 haben rund 150 Menschen zwischen 7 und 90 Jahren die textilen Kunstwerke erschaffen. Der Großteil von ihnen waren Frauen. Die meisten Quadrate entstanden zuhause aufgrund der Kontaktbeschränkungen durch die Corona-Pandemie. Das kreative Tun gab den Mitwirkenden in Zeiten des Lockdowns im Frühjahr 2020 Struktur, Freude und ein Gefühl der Verbundenheit. Auch das Verbinden der Einzelteile zu einem großen Ganzen wurde nur durch die Mitwirkung vieler helfender Hände zuhause oder in Kleingruppen möglich. „Dass wir aufgrund der Kontaktbeschränkungen keine große Eröffnungsfeier mit allen Mitwirkenden feiern können, bedauern wir sehr“, betont Jutta Hinrichsen vom Stadtteiltreff Kreyenbrück. „Wir hoffen, wir können das irgendwann nachholen“. „Allen Mitwirkenden sowie den vielen Kolleginnen und Kollegen innerhalb und außerhalb der Stadtverwaltung, die das Projekt von Anfang an mitgetragen und unterstützt haben, gilt unser herzlicher Dank“, ergänzt Sophie Arenhövel vom Kulturbüro. Als Zeichen der Wertschätzung wird auf einer Infotafel an beiden Standorten allen Mitwirkenden namentlich gedankt.

Farbenfroh Festival bespielt Kreyenbrücker Tipi
Vom 3. bis 6. September 2020 wird sich das farbenfrohe Tipi auf dem „kleinen Klingenbergplatz“ in das Zentrum des Farbenfroh Festivals Kreyenbrück 2020 verwandeln. Dort wird es Lesungen für Groß und Klein, Konzerte und Mitmachaktionen im Freien geben. An zwei weiteren Standorten im Stadtteil sind Open Air Kino, Kinderkino in einem Leerstand sowie eine Tanztheaterperformance zwischen den Häusern geplant. Natürlich alles unter Berücksichtigung der Auflagen aufgrund der Corona-Pandemie. Das Programm wird im August veröffentlicht. Weitere Infos unter www.oldenburg.de/tipi-tagebuch und www.farbenfroh-festival.de.

Zum Hintergrund des Projekts
Das Projekt „Ein Tipi für Oldenburg“ wird von der Kulturellen Bildung und Teilhabe im Kulturbüro der Stadt Oldenburg gemeinsam mit dem Stadtteiltreff Kreyenbrück und der Stadtteilbibliothek Kreyenbrück sowie der IGS Kreyenbrück durchgeführt. Es ist Teil des Farbenfroh Kulturfestivals Kreyenbrück 2020. Dieses wird von zahlreichen Akteuren aus Kreyenbrück und Oldenburg gestaltet und möchte das vielfältige kreative Potential der dort lebenden Menschen sichtbar machen. Die Idee für das Festival ist aus der langjährigen Zusammenarbeit der IGS Kreyenbrück und dem Verein Jugendkulturarbeit entstanden. Gemeinsam mit dem Stadtteiltreff Kreyenbrück, dem Kulturbüro der Stadt Oldenburg, der Freizeitstätte Kreyenbrück, freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird das Festival 2020 bereits zum dritten Mal geplant und realisiert. Trägerverein ist der Förderverein für theater- und sozialpädagogische Jugendarbeit Oldenburg-Süd.

Das Farbenfroh Festival 2020 wird gefördert von der Oldenburgischen Landschaft mit Mitteln des Landes Niedersachsen, dem Kulturbüro der Stadt Oldenburg, dem Stadtteiltreff Kreyenbrück, der Stadtteilbibliothek Kreyenbrück, der Interessengemeinschaft „Die Kreyenbrücker e.V.“, der Landessparkasse zu Oldenburg (LzO) aus Mitteln der Lotterie „Sparen+Gewinnen“ und der GSG Oldenburg.

Eröffneten das Tipi in Kreyenbrück (von links): Jutta Hinrichsen (Gemeinwesenarbeit Stadtteiltreff Kreyenbrück, Stadt Oldenburg), Sophie Arenhövel (Kulturbüro, Stadt Oldenburg) und Künstlerin Ute Lennartz-Lembeck. Foto: Stadt Oldenburg
Eröffneten das Tipi in Kreyenbrück (von links): Jutta Hinrichsen (Gemeinwesenarbeit Stadtteiltreff Kreyenbrück, Stadt Oldenburg), Sophie Arenhövel (Kulturbüro, Stadt Oldenburg) und Künstlerin Ute Lennartz-Lembeck. Foto: Stadt Oldenburg