Farzia Fallah erhält Oldenburger Kompositionspreis für Zeitgenössische Musik 2020

Die gebürtige Teheranerin Farzia Fallah hat den Oldenburger Kompositionspreis für Zeitgenössische Musik 2020 der Stadt Oldenburg erhalten. Während einer kleinen Feierstunde am 4. Mai 2021 hat Oberbürgermeister Jürgen Krogmann der Komponistin die Urkunde unter Einhaltung der Hygiene-Regeln ausgehändigt. Corona-bedingt musste die bereits um ein Jahr verschobene Übergabe ohne Publikum im Alten Rathaus erfolgen. Der Preis beinhaltet eine honorierte Auftragskomposition, die eigens für die Carl-von-Ossietzky-Preisvergabe 2020 an Dr. Carolin Emcke komponiert worden ist. Da die Pandemie-Lage eine Uraufführung des Werkes von Farzia Fallah vor Ort nicht zuließ, ist ein digitales Video von der Aufführung erstellt worden.

Die Video-Aufzeichnung können Sie hier sehen »

Die Komposition „The Blue Traces“ für Klarinette, Trompete, Schlagzeug, Violoncello und Kontrabass wurde in der Alten Feuerwache in Köln von den Mitgliedern des oh ton-ensembles Andrea Nagy, Paul Hübner, Michael Pattmann, Elio Herrera und John Eckhardt interpretiert und dort aufgenommen.

Empfohlen wurde Farzia Fallah von einem musikalischen Beirat, dem der Oldenburger Komponist und Musiker Eckart Beinke, oh ton – Förderung aktueller Musik e. V., Michael Hagemeister, Oldenburgisches Staatsorchester, sowie die Musikwissenschaftlerin Dr. Cornelia Bartsch, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, angehören. Der Beirat hat sich nach Sichtung mehrerer Vorschläge einstimmig für die Komponistin ausgesprochen.

Der Beirat schreibt in seiner Begründung: „Überzeugt hat die Beiratsmitglieder neben dem ungewöhnlichen Werdegang von einer Ingenieurin hin zur studierten Komponistin, deren Werke mittlerweile nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit aufgeführt werden, vor allen Dingen die klangsinnliche und poetische Erfindung des reduzierten Materials ihrer Werke. Farzia Fallah begreift dabei ihre Musik fern von nationalen Musiktraditionen als Resultat verschiedenster kultureller Einflüsse, die sie in ihrer künstlerischen Laufbahn geprägt haben.

Die Kompositionen von Farzia Fallah sind auf eine fast eigensinnige Weise von höchster Klangsensibilität und feinsten Nuancen geprägt. Sie fordern ‚Mikrovirtuosität‘ in der Aufführung als auch im Hören, indem sie effektbetonten Äußerlichkeiten und Superlativen genaue Beobachtung und die Wahrnehmung einer inneren Struktur entgegensetzen. Fallah komponiert oft in enger Zusammenarbeit mit den ausführenden Musikerinnen und Musikern: Sie notiert nicht en détail die gewünschten Obertöne und Mehrklänge, sondern lässt die Musikerinnen und Musiker sie selber ‚finden‘. Notwendig sind dafür außerordentliche Feinfühligkeit und Virtuosität, um die minimalen Veränderungen des aktuellen Klangs hörbar werden zu lassen.“

 

Zur Person Farzia Fallah

Farzia Fallah wurde 1980 in Teheran geboren. Als Tochter einer Lehrerin und eines Dichters kam sie früh mit persischer als auch mit europäischer Literatur und Musik in Kontakt. Nach einem abgeschlossenen Studium in „Electronics and Signal Processing“ in Teheran und intensiven Klavierstudien bei der Pianistin Farimah Ghavam-Sadri widmete sie sich zeitgleich dem Komponieren. Seit ihrer Ausbildung durch den Komponisten Alireza Mashayekhi, der als Gründungsvater der Neuen Musik in Iran gilt, ist sie unter anderem Mitglied der Teheraner Gruppe für Neue Musik. 2007 siedelte Fallah nach Deutschland über, um ihre Studien bei den Professoren Younghi Pagh-Paan und Jörg Birkenkötter in Bremen sowie bei Johannes Schöllhorn in Köln und Freiburg fortzusetzen.

Die inzwischen in Köln lebende freischaffende Komponistin hat eine Vielzahl an Stücken für Soloinstrumente, kammermusikalische Besetzungen, größere Ensembles und Orchester geschrieben. Zu ihren jüngeren Werken zählen zum Beispiel die Kompositionen „the expanded moments of being (2018/19)“, „Unter Bewunderung der Farben für Ensemble (2018/19)“, „into für Horn und Viola (2019)“, „disPosition für einen Gong, eine Plattenglocke und zwei Schlagzeuger (2019)“, „the simultaneity of nine dispositions, ein szenisches Werk für 7 Musiker (2020)“ und „15 Skulpturen für Schlagzeug, Saxofon, Posaune und Bratsche – in freier Auswahl (2021)“.

Fallah arbeitete mit verschiedenen Ensembles zusammen und ist selbst Mitglied im Kollektiv3:6Koeln. Viele ihrer Stücke entstanden im Auftrag von verschiedenen Festivals wie dem Dastgah Festival Hannover, dem NOW! Festival Essen, dem Forum neuer Musik – Deutschlandfunk und dem Klangzeit Festival Münster. Aufgeführt wurden ihre Kompositionen zum Beispiel auch bei dem Newcomer Konzert der Wittener Tage für neue Kammermusik, den Donaueschinger Musiktagen (Next Generation), den Klangwerktagen Hamburg, beim Acht Brücken Festival Köln, beim Klangzeit Festival Münster, beim pgnm Festival Bremen, beim Mixtur Festival Barcelona und beim Klang Festival Kopenhagen sowie international in Dänemark, England, Griechenland, Italien, Portugal, in den USA und in Iran.

2019 entstand auf ihre Initiative das Projekt mind the gap – Musik für Horn und Viola, das mit fünf Uraufführungen einen Fokus auf dieses einzigartige Duo setzte.
Für ihre Arbeiten wurde sie bereits mit mehreren Preisen und Stipendien ausgezeichnet, so unter anderem mit dem DAAD-Preis der Hochschule der Künste Bremen (2010), dem Kompositionspreis der HfK Bremen (2013) und sowie dem 24. Videokunst Förderpreis Bremen (2016). Fallah war 2018 Stipendiatin im Künstlerhof Schreyahn, 2019 im Künstlerhaus Lauenburg und 2020 im Künstlerdorf Schöppingen. Von Juli 2021 hat sie ein Aufenthaltsstipendium im Deutschen Studienzentrum Venedig.

(Stand April 2021)

Über den Oldenburger Kompositionspreis

Die Stadt Oldenburg vergibt bereits seit 1988 alle zwei Jahre anlässlich der Verleihung des Carl-von-Ossietzky-Preises für Zeitgeschichte und Politik eine honorierte Auftragskomposition: den Oldenburger Kompositionspreis für Zeitgenössische Musik. Mit der Uraufführung der jeweiligen Komposition während des Festaktes sollen der Namensgeber und die zu ehrende Persönlichkeit auch musikalisch auf besondere Weise gewürdigt werden. Darüber hinaus leistet die Stadt Oldenburg mit ihrem Kompositionspreis einen Beitrag zur individuellen Förderung von Komponistinnen und Komponisten Neuer Musik. Erstmalig konnte Corona-bedingt der Festakt nicht durchgeführt werden, sodass die Uraufführung der Komposition als Video produziert werden musste.

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